Vom Glücksschwein zum Sparschwein

Von Prof. Dr. phil. Anna-Maria Ferkes-Porkmann, Universität Tübingen

Bekanntermaßen spielt das Schwein in der Kultur der meisten Völker eine positive Rolle, sieht man von Israel und den muslimischen Ländern ab, in denen das Schwein aus religiösen Gründen verpönt ist und als unrein gilt. Dabei verhält sich das Schwein absolut intelligent, wenn es sich im Schlamm suhlt, denn die Dreckschicht bewahrt die Schwarte des Schweins vor Parasiten. Das auf den Menschen übertragene Schimpfwort von der "dreckigen Sau" oder dem "dreckigen Schwein" beweist also nur, dass derjenige, der solche Beschimpfungen äußert, über einen Intelligenzquotienten verfügt, der nur wenig über dem des Schweines liegt. Schweine sind nach den Delphinen die intelligentesten Tiere, zudem auch noch ausgestattet mit einem exorbitant guten Geruchssinn.

Die deutschen Bauern wurden jahrhundertelang unterdrückt, zu Kriegs- und Frondiensten gezwungen und lebten meistens in recht erbärmlichen Umständen. Wer jedoch ein Schwein hatte, der hatte Glück. Denn ein Schwein konnte die ganze Familie durch den Winter bringen. Aus dem Fleisch wurde Schinken und Schmalz gewonnen, Würste wurden gestopft und geräuchert, das Blut zu Blutwurst verarbeitet, der Speck als Bratfett und als Beigabe zum Frühstück verwendet. Wer morgens Brot hatte und ein oder zwei Scheiben Speck dazu, der hatte Glück - er hatte "Schwein gehabt". Kam zum weiblichen Schwein, also der Sau, auch noch ein Eber hinzu, war die Ernährung der Familie sehr gut gesichert, denn eine Sau ferkelt statistisch 2,3-mal im Jahr und "wirft", wie die Landwirte sagen, pro Jahr und ebenfalls statistisch gesehen 23 rosige Ferkel.

Die Redensart "Da hast Du aber Schwein gehabt" leitete sich also aus dem bäuerlichen Umfeld ab. Wer "Schwein hatte", der hatte eben Glück. Und wessen Sau acht oder neun Ferkel warf, der hatte ein Glücksschwein. So wurde das Schwein zum Symboltier für Glück. Das "Glücksschwein" war geboren! Und wenn die Sau gar zur Weihnachtszeit geferkelt hatte, der Bauer also in das neue Jahr mit einem ganzen Wurf quickender Ferkel ging, dann konnte im neuen Jahr nichts schief gehen.

So erklärt sich auch der Brauch, zu Neujahr sauber gewaschene Jungferkel in einem Korb herumzureichen. Wer das Ferkel berührt, dem steht ein gutes neues Jahr bevor - so der Aberglauben. Dass sich die Marzipanindustrie auf die Schweinchen gestürzt hat und eben solche en miniature aus rosa eingefärbter Marzipanmasse herstellt, gehört zu den Anachronismen der deutschen Ferkologie.
Natürlich hat nicht nur der Glück, der ein Schwein im Stall hat, sondern auch der, der über Geld verfügt. Es war also nur eine Frage der Zeit, dass das Glücksschwein einen Bruder bekam - nämlich das Sparschwein. Die Idee, aus Ton ein Schwein zu formen und dieses mit einem Schlitz zu versehen, kam dem Burgherrn Wilhelm Spieß von Büllesheim um 1576 auf der Burg Schweinheim (wen wundert es!), die noch heute am Rande der Stadt Euskirchen liegt.

Spieß von Büllesheim verfügte, dass seine Frau, seine Kinder und das Gesinde eigene Sparschweine mit Münzen zu füllen hätten, um für den Fall von Not und Krankheit gewappnet sein zu können. Man kann also sagen, dass die Idee der Altersversorgung durch die Einführung der ritterlichen Sparschweine aufgekommen ist. Und es waren nicht die sparsamen Schwaben, die diese Idee als erste hatten, sondern ausgerechnet die als leichtsinnig verschrieenen Rheinländer, denn Euskirchen liegt im Windschatten des Kölner Domes.

Von den mittelalterlichen Sparschweinen sind keine mehr erhalten, sie wurden im Verlaufe des 30-jährigen Krieges allesamt geraubt und zerschlagen. Nur wenige Scherben sind noch vorhanden und diese befinden sich im Tresor der "Schutzgemeinschaft Deutsches Sparschwein", die das Ur-Sparschwein rekonstruieren will.

Der Entertainer Chris Howland, ein in Deutschland hängengeliebener ehemaliger britischer Besatzungssoldat, brachte in den 60-er Jahren des vorigen Jahrhunderts den Hit heraus "Und da hau' ich mit dem Hämmerchen mein Sparschwein kaputt...!" Der Song ist noch heute populär und beweist, dass die Briten - jedenfalls die intelligenten - das deutsche Sparschwein zu schätzen wissen. Unvergessen sind die Verdienste des Moderators Robert Lembke um das von ihm so genannte "Schweinderl". Über drei Jahrzehnte versammelte sich die deutsche Familie wöchentlich in friedlicher Eintracht vor dem Fernseher, um dem TV-Rätselspiel "Was bin ich?" zu folgen. Jede Vorstellung eines Kandidaten beinhaltete die fast sprichwörtlich gewordene Frage: "Welches Schweinderl hätten Sie denn gerne?", wobei sich der Kandidat unter verschiedenfarbigen echt deutschen Sparschweinen das seinige aussuchen durfte.

Damit will ich meinen Beitrag über das Sparschwein schließen. Ich wünsche der "Schutzgemeinschaft Deutsches Sparschwein" in diesem Sinne "viel Schwein" für die Zukunft.